PlayNation Test The Walking Dead: Season 2

The Walking Dead: Season 2 - Test - Wenn fast nichts mehr übrig bleibt

Von Wladislav Sidorov - Test vom 01.01.2014 - 12:12 Uhr
The Walking Dead: Season 2 Screenshot

Die erste Staffel von The Walking Dead war ein Überraschungserfolg. Das Adventure aus dem Hause Telltale Games stellte sich unerwarteterweise als eine der packendsten und emotionalsten Erzählungen heraus, die wir bis dato in einem Videospiel gesehen haben - und das ohne wirklichen Bezug zur gleichnamigen Fernsehserie. Deshalb war bereits kurz nach dem Abschluss der letzten erschienenen Episode klar, dass es einen Nachfolger geben wird. Jedoch sorgte gerade dies bei mir für erhebliche Zweifel: Während wir mit der Protagonistin Clementine zuvor noch mithilfe unserer Gruppe voranschritten, sind wir im Nachfolger nun ganz allein, vollkommen auf uns und unseren Instinkt gestellt. Ist dieser Umbruch wirklich geeignet für eine qualitativ mindestens genauso hochwertige Fortsetzung oder hätte man es nicht doch lieber bei dieser einen abgeschlossenen Geschichte belassen können? Im Test zu The Walking Dead: Season Two verrate ich euch, warum die erste Episode der zweiten Staffel meine Erwartungen nicht nur erfüllen, sondern sogar noch einmal übertreffen konnte.

Eine Belastung für alle

Die erste Staffel von The Walking Dead empfand ich nie als ein echtes Videospiel. Vielmehr sah ich darin stets nur eine animierte Geschichte, in der ich hin und wieder die Kontrolle über den Hauptcharakter übernahm und manchmal auch leichte, nie wirklich tragische Entscheidungen treffen musste. An keiner Stelle überforderte mich der Titel in spielerischer Hinsicht, schwierige Rätsel gab es nie zu lösen, alles legte man mir bereits vor die Füße, so, als sollte ich mein Gehirn ausschalten und still und leise der Erzählung lauschen. Ist dies schlimm? Ganz und gar nicht. Trotzdem war das Abenteuer in der Endzeitstimmung belastender, als es so manch ein anderes Spiel je schaffen könnte. Warum?

The Walking Dead war nie eine spielerische Herausforderung, sondern eine mentale, eine psychische. In der ersten Staffel spielten wir Lee, einen jungen Mann, der durch einen Mord in der Vergangenheit jedoch bereits reichlich Dreck am Stecken hatte. Als die Zombieapokalypse ausbricht, trifft er auf das junge Mädchen Clementine, um das er sich fortan kümmerte. Lee selbst verlor alles an die Untoten, seine Eltern, seine Perspektive, seine Geschwister - lediglich für Clementine bestand noch Hoffnung, auf ihre Eltern zu treffen. Die Aufgabe, die sich Lee stellte, nämlich für das Wiederfinden dieser zu sorgen, entwickelte sich mit der Zeit zu einer enormen Belastung für alle Seiten. Für Lee, der die Rolle von Clementines Beschützer übernahm, für Clementine, die Gewissheit über das Schicksal ihrer Eltern erfahren wollte und für all diejenigen, die sich mit den beiden auf den Weg machten.

Die Psyche als größter Feind

Während viele Geschichten uns für gewöhnlich ein gutes Gefühl geben, eines, bei dem wir denken, dass wir etwas wirklich Gutes getan haben, versetzte uns The Walking Dead stets in die Realität. Ein positiver, schöner Moment? Hier, ein fester Schlag in die Magengrube, damit dies direkt vergessen sei. Der Tod? Nie weit entfernt, sondern stets vor unserer Nase - wortwörtlich. Die Entscheidungen, die uns vorgesetzt wurden, waren nie gravierend, weil wir uns zwischen einer richtigen und einer falschen Alternative entscheiden mussten. Es gab nie ein richtig oder falsch, entweder war alles richtig - oder alles falsch. Zwei liebgewonnene Charaktere, von denen wir nur einen retten können. Zwei Aussagen, die sich zwar anders anhören, im Kern jedoch genau dasselbe meinen. Zwischen all diesen Dingen mussten wir uns entscheiden, das Gewissen machte uns stets zu schaffen und das alles nur, weil wir uns letztendlich als Lee um Clementine kümmern wollten, um ihr eine möglichst positive Zukunft gestalten zu können. Mit der Zeit musste das junge Mädchen dazu lernen, Lee bildete sie aus, brachte ihr Dinge bei, die ihr in der Welt dort draußen nützlich sein sollten - und es wirkte.

In der zweiten Staffel von The Walking Dead sind wir nicht mehr Lee, dieser ist tot, starb zum Ende der ersten Staffel. So wie alle anderen, die uns auf der Reise begleiteten, da Telltales erzählerischer Mut, den Spieler mit voller Härte zu konfrontieren, uns nie verwehrt blieb. Wir sind nun Clementine, die zwar auf sich allein gestellt ist, durch das Ableben ihres besten Freundes nun aber deutlich reifer wirkt. Das einst so kleine Mädchen ist sechszehn Monate nach den Ereignissen der ersten Staffel gewachsen und weiß, dass die Welt nie wieder schön sein wird und es nur noch gilt, um sein Überleben zu kämpfen. Auch Clementine hat nahezu alles verloren, was sie besaß - wie jeder, den sie auf dem Weg ihrer Reise treffen wird. 

Ein Auftakt zum Kennenlernen 

Die erste Episode ähnelt in ihrer Intention der aus der ersten Staffel. Sie wird größtenteils dazu genutzt, um uns die neuen Charaktere näherzubringen und einen Überblick über das Geschehen zu vermitteln. In einem Punkt unterscheidet sich das Ganze trotzdem vom Vorgänger: Bereits jetzt werden wir emotional enorm gefordert. Zahlreiche Bezüge zur Handlung der ersten Staffel werden aufgebaut, sei es ein Foto von Lee, eine Zeichnung von Kenny und Katjaa sowie ihrem Sohn Duck oder ein Gespräch über das, was Clementine bereits durchleben musste. Alles was übrig bleibt, wie die erste Episode im Deutschen heißt, passt perfekt zu dem, was wir hier erleben: Im Endeffekt bleiben nur Hoffnung und Erinnerung zurück, materielle Werte, neue und vermeintliche Freunde verschwinden jedoch mit der Zeit aus unserem Leben. Leider darf ich euch an dieser Stelle nicht spoilern, da die erste Episode komplett eigenständig erlebt werden muss - ansonsten entfaltet sich die Wirkung dieser nicht. Nur so viel: Clementine muss schnell ihre erworbene Reife anwenden und ihre Gefühle und Zweifel an dem, was sie tut, unterdrücken, um stark, mutig und, vor allem, am Leben zu bleiben.

Erzählerisch kann der Auftakt von The Walking Dead: Season Two also das ohnehin schon hohe Niveau der ersten Staffel halten, setzt aber zumindest im Vergleich zur ersten Episode des Vorgängers nochmal einen oben drauf. Spielerisch gibt es jedoch keine enorme Weiterentwicklung, es bleibt weiterhin nur eine Mischung aus Quicktime-Sequenzen, Rumsuchen und Rumklicken sowie kleineren Entscheidungsmöglichkeiten. Apropos Entscheidungen: Beim ersten Start des Adventures werden alle Entscheidungen, die ihr in der Season One sowie im 400 Days-DLC getätigt habt, in die zweite Staffel importiert. Bislang konnten wir davon aber nichts merken, wirkliche Veränderungen in der Handlung waren demnach nicht zu spüren. Möglicherweise ändert sich dies ja in den noch ausstehenden Episoden, die allesamt im nächsten Jahr erscheinen sollen.

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